Ein Tag mit den „1000 Gestalten“ – eine friedliche Kunstaktion

Am vergangenen Mittwoch, kurz vor Beginn des G20-Gipfels in Hamburg, liefen etwa 1000 graue Gestalten durch die Stadt. Mit schweren Schritten schleppten sich die Figuren durch die Straßen, standen fast reglos an Straßenkreuzungen, brachen auf dem Gehsteig zusammen, starrten in die Leere und versammelten sich schließlich auf dem Burchardplatz zu einer staubigen, befreienden und bunten Metamorphose. Ich habe als eine der 1000 Gestalten bei dieser friedlichen Performance mitgemacht, die sowohl live als auch medial viel Anerkennung fand. Hier ein Blick hinter die Kulissen…

In der Halle gegenüber der Hanseatischen Materialverwaltung im Oberhafen stehen alte Badewannen voll mit Lehm. Halb in Lehm getränkte Menschen laufen mit einer Staubfahne hinter sich und mit einer Rhabarberschorle in der Hand über das Gelände, stehen in Grüppchen zusammen und bereiten sich auf ihre Rollen vor. Seit 8 Uhr morgens üben sie im Kollektiv die Lethargie, den leeren Blick, die Kraftlosigkeit einer Gesellschaft, die sich den komplexen Zusammenhängen einer kranken Welt unterworfen hat und in der ein Einzelner nur noch die eigenen Überlebensmechanismen abspult.

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Eine graue Gestalt im Entstehungsprozess
Graue Gestalten im Entstehungsprozess

Bis 12 Uhr Mittags sollen sie alle von Kopf bis Fuß in einen Lehmpanzer gehüllt werden. Stundenlang füllen die Helfer Eisbecher mit der wohltuenden Masse – die manchmal zuerst skeptisch beäugt wird – und schmieren sie in Gesichter, Haare, hinter Ohren, auf Beine und Schuhe, auf gespendete Karohemden, Sakkos, Schlipse, Röcke. Etwa 1000 Menschen haben sich freiwillig gemeldet.

Das Einlehmen ist an sich schon ein solidarisches Erlebnis
Das Einlehmen ist an sich schon ein solidarisches Erlebnis

Da spielen sich recht poetische, ungeprobte Szenen in der Halle und vor der Backstein-Graffittikulisse des Oberhafens ab: während der Vorbereitung mischen sich jene, die ihre Rolle bereits ernsthaft angenommen haben, mit noch lachenden und plappernden, fotografierenden grauen Figuren; die erdige Masse trocknet in den Gesichtern und kreiert eine bröckelnde, mimische Wüste; dünner Lehm läuft über 1000 Köpfe, lässt manch einen schaudern, der eifrig geübte leere Blick fokussiert sich durch den Sinnesreiz wieder kurz.

Der kühle Lehm verknittert so manches Gesicht, so dass der Zuschauer schmunzeln muss.
Die Helfer dürfen eine Vielzahl menschlicher Reaktionen auf kühlen Lehm in Gesicht und Haaren erleben, was durchaus rührend ist (Auch in unscharfen Fotos).

Um 13 Uhr machen sich 1000 graue Gestalten langsam, mit Klickern in der Hand und mit schweren, erschöpften Bewegungen, in Richtung Innenstadt auf. Eine bunte Menschenmenge steht an den Straßenzügen Spalier und beobachtet die gespenstische Invasion blickloser grauer Figuren. Die Gestalten stehen in Grüppchen zusammen, sitzen kraftlos auf Bordsteinkanten oder halten sich an Laternenpfählen fest. Schließlich bewegen sich alle auf den Burchardplatz zu, umgeben von Zuschauern. Als die Menge auf dem Platz versammelt ist, beginnt eine kollektive, schmetterlingshafte Verwandlung; beginnend mit einer Gestalt, die ihre Lehmjacke in einer Staubwolke zu Boden wirft, wobei ihr darunter liegendes buntes T-Shirt zu Tage tritt. Sie kann ihre Umgebung wieder wahrnehmen und beginnt, den anderen symbolisch die Augen zu öffnen. Eine Kettenreaktion des gegenseitigen Befreiens führt zu einer jubelnden Menge aus lachenden Ex-Gestalten, die sich umarmen, ihre staubige Kleidung fortwerfen, seelisch wieder präsent sind und sich trotz Staubwolke wieder erkennen. Mit dieser Verwandlung kommt die Darbietung zu einem belebenden Abschluss. Die Bilder der grauen Figuren wandern schon um die Welt. (Allerdings nicht meine, da ich mit Lethargie beschäftigt war. Bilder der Performance findet Ihr en Masse auf der Seite der Gestalten, auf deren Facebook-Präsenz und in allen möglichen Medien, die auf eben genannten Seiten verlinkt sind).

Eine bunte Schar macht sich nun auf den Rückweg zum Oberhafen, einige springen in die Elbe und schwimmen der Farblosigkeit davon, graue Lachen hinter sich lassend. Zurück im Oberhafen gibt’s regen Austausch über das Erlebte – dazu Avocados, Männer in knallgrünen Männertangas, Duschen, frische Klamotten, glückliche Leute, nackte Leute, erfüllte Leute.

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Ich habe mich zutiefst über diese einfallsreiche, verbindende, bildgewaltige und vielschichtig deutbare Protestform gefreut und wünsche uns allen, dass solche Bilder in Anbetracht der aktuellen Geschehnisse in Hamburg nicht völlig in Vergessenheit geraten. Denn die Mehrheit der Leute äußert sich friedlich.

Herzlichst

Inga aus der Superbude.

Nächste Woche geht’s hier im Blog um die nördlichste Rallye der Welt!

Kategorien Allgemein Hamburg Lifestyle
Inga Lankenau

Hallo liebe Gäste! Ich bin Inga und arbeite als freie Künstlerin, Illustratorin, Dozentin und als Bloggerin für die zauberschöne Superbude. Auf unserem Superbude-Blog könnt ihr mehr über unsere neuesten Frühstücksaufstrichsrezepte, unsere Lieblingsorte und -Veranstaltungen und über Hamburgerisches und Superbudiges erfahren.

1 Kommentar zu “Ein Tag mit den „1000 Gestalten“ – eine friedliche Kunstaktion

  1. Coole, aussagekräftige und vor allem friedvolle Aktion! Hab Berichte in den Medien darüber gesehen – Hut ab. Ja die Menschheit kann es schaffen, wenn sie es will und sich stark macht..

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