Die Linie 62 – eine Hamburger Legende

Die HVV-Fähre 62 von den Landungsbrücken nach Finkenwerder und zurück ist eine Legende. Es gibt wohl kaum eine Möglichkeit, die Atmosphäre der Hansestadt weiträumiger und direkter einzuatmen als an Deck der 62. Da große Legenden selten geheim bleiben können, ist dem Hamburg-Besucher, wenn er einen von 200 anderen Hamburg-Besuchern versperrten Blick vermeiden möchte, eine Fährenfahrt zu unüblichen Tages- und Jahreszeiten anzuraten.

Eine Fahrt mit der 62 ist mein ganz persönlicher Tipp für Euch, liebe Superbuden-Gäste. Ich erinnere mich an ein denkwürdiges Wochenende im März 2012, als ich zum ersten Mal bewusst Hamburg besuchte. Wir fanden uns mitten in einer bitterkalten Vorfrühlingsnacht an den Landungsbrücken wieder. Die leeren Pontons wiegten sich quietschend und erschufen gemeinsam mit den schweren Klängen fallender Container am Burchardkai eine Hafensymphonie, zu der die bewegte Elbe taktvolle Bilder aus Lichtspiegelungen malte. Ich hätte mir zu dieser Zeit unmöglich ausmalen können, was hier mittags an einem Sommersonnentag passiert. Das einzige was mir angesichts der glitzernden Hafenkräne in den Sinn kam, war: hier will ich leben.

Um die Fährenfahrt zu einem unvergleichlichen Erlebnis zu machen möchte ich Euch ans Herz legen, einen Moment fernab der üblichen Besucherströme zu wählen. Dafür bietet sich zum Beispiel ein verlängertes Wochenende in Hamburg an, das nicht im Feiertagskalender steht. An einem Werktag kann man selbst bei schönem Wetter eine leere Fähre vorfinden. Dasselbe gilt für den frühen Morgen an Wochenenden oder Abende an kalten Wintertagen, wenn der Elbstrandbesuch hinter dem Museumshafen Övelgönne weniger Touristen anzieht. Mit einem HVV-Ticket könnt Ihr übrigens alle Elbfähren benutzen!

Spätestens als die Fähre 62 für einige Monate zu meinem täglichen Verkehrsmittel wurde und sich mit den ersten Erlebnissen einer Zugezogenen verwebte, wurde sie für mich ein Symbol für das Leben in Hamburg. Mit ihr fährt man mitten durch die Hauptschlagader der Hansestadt.

Um 1900 begann die HADAG (Hafendampfschiffahrts-Actien-Gesellschaft), die Linie nach Finkenwerder mit den Raddampfern Union und Harmonie zu betreiben. In den 1960ern erhielt die 62 ihre heutige Bezeichnung. Die damaligen bulligen, an das Aussehen von Linienbussen angepassten Typschiffe der HADAG prägten jahrzehntelang das Bild des Hafens mit. Die heutigen Hafenfähren werden im Volksmund als „Bügeleisen“ bezeichnet. Insgesamt fahren über 7 Millionen Gäste pro Jahr mit den Fähren.

Einige "Bügeleisen"
Einige „Bügeleisen“

Die Fahrt mit der 62 beginnt und endet an den Landungsbrücken, jenem geschichtsträchtigen Ort, an dem ab 1839 die großen Schiffe und Kohlepötte verkehrten. Um 1907 wurden die Pontons errichtet, die den Tidenhub der Elbe von über 3 Metern ausgleichen. An den Landungsbrücken beginnen und enden viele Schicksale; von hier wanderten zwischen 1850 und 1934 über 5 Millionen Menschen aus, um in der ganzen Welt ihr Glück zu suchen; hier strandeten Seeleute auf der Suche nach kurzem Glück auf der Reeperbahn; hier öffnet sich Hamburgs Tor zur Welt in beide Richtungen.

Die 62 startet an Brücke 3 und eröffnet auf den ersten Wassermetern die Aussicht auf die Docks, wo große Schiffe wie die Queen Mary gewartet werden. Auf der Innenstadtseite schweift der Blick über den Michel, St. Pauli und die bunten Häuser der Hafenstraße, die auf der Suche nach billigem Wohnraum nach und nach besetzt wurden.

Vorbei geht es auch am Hamburger Fischmarkt, wo Sonntags am frühen Morgen getanzt und von Fisch bis Tropenblumen vielerlei Schnäppchen erbummelt werden können. Am Fähranleger „Dockland/Fischereihafen“ ragt der Bug eines riesigen, presigekrönten Parallelogramms über das Wasser. Auf der 500 qm großen Dachterrasse des Dockland könnt Ihr einen famosen Ausblick über den Hafen genießen.

Auf der weiteren Stecke werdet Ihr die Containerschiffe sehen, die am Burchardkai be- und entladen werden. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt der Museumshafen Övelgönne, ein Mekka für Nostalgiker und Schiffsliebhaber. Es lohnt sich, die Fähre hier für einen Spaziergang Richtung Elbstrand und entlang der Övelgönne zu verlassen und an den herrlichen alten Kapitänshäusern entlangzuschlendern, die nur von kleinen Gärten vom Strand getrennt sind. Auf Höhe der Strandperle (die ähnlich stark besucht ist wie die 62) könnt ihr beobachten, wie die riesigen Containerschiffe von kleinen Lotsenschiffen gedreht und in den Waltershofer Hafen manövriert werden. Wenn Ihr Euch dabei nicht auf den Zufall verlassen möchtet, könnt Ihr hier Detailinformationen zu den aktuell verkehrenden Schiffen finden.

Einfahrt der "Queen Mary"
Einfahrt der „Queen Mary“

 

Die Endstation Finkenwerder bietet Euch die Möglichkeit zur Weiterfahrt mit der Linie 64 nach Teufelsbrück und zum Elbwanderweg oder zu einer Radtour ins Alte Land, das wir in unserem letzten Blogpost erwähnt haben.

Ich wünsche Euch, liebe Gäste, dass Euch die Linie 62 das Flair der Stadt so nahe bringen kann wie sie es bei mir getan hat – und bei dem Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, der die Fähre in seinem Lied Ich Bin Freund Von Klischees Und Funkelnden Sternen besingt:

Durch den Hafen wehen wir,
zwei Blatt recycletes Papier.
Ja, wir werden uns wieder füllen
mit all den prächtigen Farben,
die unsere Einsamkeit umhüllen
(und all die hässlichen Narben).

(…)

Mit der Linie 62
nach Finkenwerder und zurück
(und weiter und immer weiter).
Dieses Lächeln steht dir prächtig.
Ich könnte mir das ewig anschauen,
und zum Glück wird es breiter und breiter.
Lach mich aus, wenn du magst.
Schrei mich an, wenn du willst.

Aber ich liebe es,
wenn sich der Schiffsmotor dreht
und der Wind uns beim Fahren
um die Ohren weht.
Ich bin Freund, Freund von Klischees
und von Elbfähren
ja und dich mag ich sehr, sehr gern.

Wir wünschen Euch eine herrliche Elbfährenfahrt!

Eure Superbuden

 

 

 

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