musikalische Experimente in Hamburgs Kulturfabrik

Vergangene Woche besuchte ich für Euch das internationale Festival für experimentelle Musik KLUB KATARAKT auf dem Kampnagel

Das Kampnagel-Gelände in Hamburg-Winterhude präsentiert sich seit 1865 wie ein begabter, wandelbarer Schauspieler: unter dem Pseudonym Nagel & Kaemp produzierte es Reismühlen und später Hafenkräne; ab 1934 nannte es sich Kampnagel und wurde für die Produktion von Rüstungsgütern verpflichtet. Nach den düsteren Zeiten spielte es wieder eine liebsamere Rolle in der Schiffsladetechnik, so dass heute in aller Welt Kräne mit dem Kampnagel-Schriftzug zu finden sind.

Seit 1982 hat das Kampnagel eine Metamorphose erlebt, die ihm außerordentlich gut zu Gesicht steht und einer erneuten weltweiten Verbreitung des Names zugute kommt. Nachdem es kurzzeitig dem Deutschen Schauspielhaus als Notunterkunft gedient hatte, organisierten freie Hamburger Theatergruppen eine „Besetzungsprobe“ und forderten die Stadt Hamburg auf, sechs Hallen auf dem Gelände für eine neue Kulturfabrik zur Verfügung zu stellen.

Heute finden im „pulsierenden Zentrum für schönere Künste in Hamburg“ internationale Gastspiele, Performances, Aufführungen freier Theatergruppen, Parties und Festivals statt. Das Kampnagel hat sich zur größten freien Spiel- und Produktionsstätte Deutschlands gemausert.

Vergangenen Mittwoch fand zur Eröffnung des internationalen Festivals für experimentelle Musik eine Konzertinstallation in drei Hallen statt. Hier erlebte man die Arbeit „Sonority Forms“ – schwingendes Wasser, das sich eine halbe Stunde lang zu Gitarrensounds auf der Projektionsfläche kräuselte und jeden in seinen Bann sog; oder ein Stück der katarakt allstars mit Rasseln, rauschenden trockenen Blättern und Gesang, das bezüglich der Intensität des Erlebens, so raunte man, einer südamerikanischen Ayahuasca-Zeremonie gleichkam.

Der Donnerstag eröffnete dem Besucher die Welt der Komponistin Louis V Vierk. Die Künstlerin arbeitet häufig mit mehreren Instrumenten derselben Familie, die mit mikrotonalen Abweichungen auf ein und denselben Ton gestimmt sind und als ein großes Gesamt-Instrument wirken sollen. So erlebten wir nach dem Eröffnungskonzert von Christian Wolfarth, der mit einem Geigenbogen 3 Schlagzeugbecken in unglaublichste Vibrationen versetzte, mehrere Einsichten in V Vierks musikalische Studien von Zeit, „exponentiellen Strukturen“, Klangfarben und der emotionalen Kraft der Klänge.

klub katarakt - 6 Trompeten
eine von 6 Trompeten / Foto: Christina Hansen

Es wurden Stücke für 6 Trompeten, 8 Celli und 5 E-Gitarren gespielt, die sich zu Momenten unglaublicher Wucht steigerten. Bedauerlicherweise geht oft mit Kompositionen für viele gleiche Instrumente ein Musikermangel einher, so dass nur das letzte Stück komplett live gespielt werden konnte. Man spürte, dass die körperliche Präsenz der Musiker gerade bei diesen Stücken einen enormen Unterschied machte.

5 E-Gitarren als Gestamtkunstwerk
Stück für 5 E-Gitarren / Foto: Christina Hansen

Wer einmal erleben möchte, wie eine Geige ein Rennauto steuert, sollte sich das Werk von Marko Ciciliani zu Gemüte führen. Freitag lotete der Künstler den Klang im kulturellen Kontext aus – mit Hilfe von Laser- und Videodesign, Ipads und einer E-Geige. Darauf folgte ein Piano-Solo mit Ju-Ping Song, die auf den Seiten des Flügels einen Ozean erschuf.

Das Festival endete am Samstag mit der Langen Nacht, wo Kurzfilme der Hamburger Kurzfilm-Agentur gezeigt wurden und Viktor Marek & Booty Carrell ab 1:00h zum Tanz luden.

Das gesamte Festival ist zweifelsohne eines der aufregendsten musikalischen Ereignisse die ich bisher erlebt habe. Ich möchte Euch den Besuch dieses Festivals im kommenden Jahr wärmstens empfehlen – aber nur, wenn Ihr Euch auf eine abenteuerliche Reise gefasst macht. Denn um einen Urlaub handelt es sich nicht.

Das Klavier als Saiteninstrument
„To Stare Astonished at the Sea“ von Louis V Vierk / Foto: Christina Hansen

Abschließend möchte ich Euch außerdem empfehlen, während Eures Aufenthaltes bei uns in der Superbude das Kampnagel-Programm im Auge zu behalten. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, die spannendsten Ereignisse in Hamburg nicht zu verpassen.

Nächsten Dienstag stelle ich Euch das Hamburger Planetarium vor. Bis dahin!

Eure Inga aus der Superbude

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