Ein Hipster in seiner urbanen Umgebung

Hamburger Retro Fair – über den Zauber der Hipster

Lieber Hipster,

keine Jugendsubkultur hat einen ähnlich schlechten Ruf wie deine. Man sagt dir nach, fleißig zu gentrifizieren und bei anderen Subkulturen kräftig zu plagiieren – allerdings nur bezüglich der Mode, denn Inhalte interessieren dich als unpolitischen, neoliberalen, konsumoriertierten, hedonistischen Wohlstandsmelancholiker wenig. Du bist zufrieden mit deiner Appleschorle, deiner Fritz Cola mit Kirschgeschmack, deinem Latte Macchiato mit laktosefreier Mandelmilch und Bio-Fairtrade-Kakaopulver oder anderen individualistischen I-Drinks. Solange du konsumieren, dies uploaden, posten und auf Instagram mit Schön-Filtern aufwerten kannst, bist du happy.

Im Gegensatz zu anderen Jugendkulturen bist du nicht rebellisch. Du bist zufrieden mit dem was du hast, legst einen Schön-Filter drüber, nennst es Upcycling, shoppst dir mit einem Hang zum Eklektizismus ein Ich zusammen. Dein Individualismus macht dich zum Modenabhängigen, denn das Hipstertum zwingt dich dazu, stehts stylisch voranzugehen und dich konstant von der Norm abzugrenzen.

Bei diesem schlechten Ruf und diesem deiner Subkultur immanenten Individualismus-und Abgrenzungszwang ist es nicht verwunderlich, dass du dich niemals selbst als Hipster bezeichnen würdest.

Eigentlich schade. Denn ich behaupte dass du ein besserer Mensch bist als man im Allgemeinen vermutet.

Klar trägst du zur Gentrifizierung bei. Aber, um einmal etwas Gutes über dich zu sagen: du machst deinen Stadtteil auch kreativer und bunter. Du hängst Sättel mit Metallhörnern an die Wand und nennst das „Großstadtwild“. Du eröffnest schnuckelige Kneipen, in denen man sowohl ein Getränk als auch Möbel kaufen kann. Wo du einziehst, leuchten nachts freundliche bunte Lichterketten. Und wo du wegziehst will auch keiner mehr wohnen, auch wenn das niemand zugibt.

Und ja, du bist nicht sehr rebellisch, lehnst dich zu wenig gegen „Das System“ auf und schaustellst gerne deine neu erworbenen Konsumgüter. Aber: vielleicht bist du auch eine Kultur der sanfteren, langlebigeren Auflehnung, und vielleicht bist du politischer als du selber denkst. Denn du bist häufig Vegetarier, unterstützst die Entwicklung in Richtung Halbtagsjob, um dich kreativ und ehrenamtlich mehr betätigen zu können, du kaufst Bio ein, und auch Toleranz gegenüber Minderheiten gehört zu deiner Coolness-Agenda. Man sagt dir einen übertriebenen Konsum nach, aber realistisch betrachtet hast du bei deinem Job „in den Medien“ gar nicht genug Geld dazu. Deinen Apple, den du liebevoll mit Neontierkopfaufklebern schönst, benutzst du länger als jeder Yuppie, und die Hälfte der Klamotten die du kaufst sind Secondhand.

Und – hier komme ich endlich zum Thema – du hast Geschmack. Du hast die Zeichen der Zeit erkannt, denn spätestens seit „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann wird das Plagiat differenzierter betrachtet und eingeräumt, dass Abgucken nicht per se schlecht ist. Wenn die Welt im Altertum stärker vernetzt gewesen wäre, hätte man schneller in Rom Feuerwerk gehabt und im alten China Biorömersandalen. Plagiieren ist rein und tief menschlich und ein Motor der Weiterentwicklung – das hast allein du dir zum ersten Mal öffentlich auf die Fahne geschrieben, auch wenn du noch dein Gesicht dahinter versteckst.

Deine Plagiate sind ironisch, stilvoll, epochenübergreifend, inspirierend und individuell. Du ziehst die Originale mit der Zeitung von gestern durch den Biokakao. Du übertrumpfst jeden Punk bezüglich der auf die Haarfärbung abgestimmten Kleiderfarbe, die Retrostoffe deiner Wahl haben einmalige und schön komponierte Muster, die denen der Emos allemal den Rang ablaufen. Das Repertoire der letzteren erschöpft sich ohnehin in Kirschen, Punkten und Totenköpfen.

Außerdem hast du herausgefunden, dass weniger mehr ist. Im Gegensatz zu den Hippies. Du fühlst instinktiv, dass ein schräges Muster für sich steht und seine Wirkung durch eine Kombination mit Einfarbigem und Dezentem steigert – und nicht durch eine Kombination mit einem weiteren schrägen Muster.

Dass du den anderen Jugendsubkulturen modisch weit voraus bist, beweist du auch dieses Wochenende wieder auf der Hamburger Retro Fair im alten Kolbenhof. Hier begegnest du all denjenigen – Alten, Jungen, Hippies, Nostalgikern, Normalos – und dir selbst –, die dich oberflächlich verachten und dennoch deinen Stil beschämt bewundern.

Der Charme der Vintage-Möbel oder -Kleidung der 20er-80er Jahre zieht Retobegeisterte am 11. und 12. Oktober magisch in den Kolbenhof. Hier gibt es Biowildbratwurst von „Wild in Hamburg“ und Omas Kuchen. Die Lampen der Großeltern, deren Teppiche, goldumrahmte Ölgemälde und umstrickte Hirschgeweihe bekommen durch den industriellen Charme des alten Kolbenhofes einen neuen Ausdruck aus modernem Design-Mashup und einem Hauch subtiler Ironie.

Auch das moderne „Upcycling“ ist hier vertreten: Francois Rossier bringt aus seiner Berliner Werkstatt „aus dem Nichts gestaltete“ Objekte mit – zum Beispiel einen Setzkasten, kombiniert mit runden Stahlbeinen und einer Glasplatte, der plötzlich ein feines Designermöbelstück wird. Und das alles entstand aus gefundenen Gegenständen. Auch die Designerin Nicole Tischendorf arbeitet mit der Aufwertung hübscher Flohmarktobjekte und gestaltet für ihre Kollektion „Räuberblut“ kunstvollen Upcycling-Schmuck.

Wenn du dich auf der Retro Fair mit feinen Hüten, Mode von Bohemia1973, MYMAKO, HelloVintage und vielen anderen eingekleidet hast, kannst du dich von der Fotografin Vera Bruß von Art Veo im Retro-Ambiente ablichten lassen. Eine tolle Erinnerung aus und an alte(n) Zeiten.

Liebe Superbuden-Gäste: verpasst diese einmalige Messe nicht. Denn egal was ihr nun über den Hipster denkt: von seinem Geschmack kann man so Einiges plagiieren!

Retro Fair im Kolbenhof * Friedensallee 128 * 11.+.12. 10. 2014 * Sa: 11:00h-19:00h * So: 11:00h-17:00h * Eintritt 3€ * von der Superbude St. Georg in 40 min erreichbar (S1 vom Berliner Tor bis Bahrenfeld) * von der Superbude St. Pauli in 30 min erreichbar (Bus 15 von der Sternbrücke bis Bf. Altona, dann mit dem Bus 37 bis Grünebergstr.)

Nächste Woche berichten wir über unseren nächsten Soundkuchen!

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