Abenstimmung in St Pauli

Das Reeperbahnfestival 2014 – ein Plädoyer für mehr Genuss

Liebe Gäste,

vermutlich teilt ihr euch an diesem Wochenende die Reeperbahn mit einer Besucherarmada, die – ausgerüstet mit Fotoapparaten, Kaffee, Bier und Wein – unaufhaltbar den Kiez erobert. Denn es sind Festtage in Hamburg.

Von der Superbude St. Pauli aus könnt ihr die feuchtfröhliche Feierwelle wahrscheinlich schon riechen und hören, wenn sie euch an den Fenstern entgegenschwappt. Denn an diesen Tagen finden hunderte von Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und Shows rund um die Reeperbahn statt.

Um euch über dieses Fest berichten zu können, habe ich es am Freitag besucht. Natürlich mit der Ambition, euch so viel wie möglich zu erzählen und euch Tipps für ein perfektes Reeperbahnfestival zu geben.

Das Programmheft allein für Freitag hatte einen derartigen Umfang, dass mein Plan ähnlich erfolgsversprechend schien wie 43 Fischbrötchen hintereinander zu essen und sich hinterher gut zu fühlen.

Dennoch stürzte ich mich in die Umsetzung. Ich hörte in die Musik unzähliger Bands hinein – erschüttert von der Tatsache, Ben Frost am Donnerstag Abend verpasst zu haben – kringelte „Alcoholic Faith Mission“, „Wooden Arms“, „The Slow Show“, „Vin Blanc/White Whine“, „Samaris“ und einige andere auf meinem Plan ein –, und ließ die „Beatsteaks“ in Gedanken an unerträglich lange Schlangen aus. Auch einige Kunstveranstaltungen umfuhr ich hektisch mit meinem Kulli: auf jeden Fall musste ich die Eröffnung der Street Art School „mitnehmen“, sowie den Dritten Entwurf für Schwerelosigkeit der „Raum/ZeitPiraten“, „nach Oben ist noch Luft“ auf dem Heiliggeistfeld, den 6ten Lachs ununund.

Alles kam völlig anders.

Auf der Suche nach der Street Art School

Mein Reeperbahnfestival begann in der neu eröffneten Rindermarkthalle. Hier sollte auch die Street Art School ihre Eröffnung feiern – eine Schule, die Hamburgs Streetart im Weltranking hochpushen, die Wände bunter und die omnipräsente Werbung erblassen lassen möchte. Ein überaus interessantes Projekt, dachte ich mir. Etwa 40 andere Leute dachten dies zur selben Zeit und irrten gemeinsam mit mir zwischen Äpfeln, Rinderhaxen, Autos und Parkhausschutt umher. Auf unserer Suche nach der Street Art School begegneten wir hilfsbereiten Securityleuten, die aufs Parkdeck wiesen, oder Parkdecktechnikern, die den von der Suche Erschöpften Zigaretten anboten, aber auch nichts Exaktes wussten.

Schwerelosigkeit

Nach einer Dreiviertelstunde gab ich meine Suche auf und begann eine neue im „Uebel&Gefährlich“. Hier sollten die „unperfekten Mensch-Maschine Gegenwelten“ der RaumZeitPiraten das Reeperbahnfestival entern. Allerdings war auf ihrem Weg dorthin endweder die Zeit havariert oder die Mensch-Maschine-Gegenwelt durchgebrannt – jedenfalls glich die noch unbelebte Bunker-Atmosphäre des „Uebel&Gefährlich“ einem Drehort für einen Zombiefilm, der seinem Namen alle Ehre macht.

Ich flüchtete gemeinsam mit einer Fotografin.

Und beschloss, meine Strategie zu ändern.

Ich sah noch ein letztes Mal auf meinen Plan mit den 189 Veranstaltungen – davon 14 mit Ausrufezeichen umkringelt – merkte mir genau eine und warf den Plan in einen der enervierenden Hamburger Mülleimer mit der Aufschrift „ihre Papiere bitte“.

Ich verwandelte mich also in rasender Geschwindigkeit in einen Entschleunigungs-Apostel, machte Fotos vom herrlichen Abendlicht auf den Häusern von St. Pauli und besuchte die St. Pauli Kirche, um dort mein letztes und einziges Konzert zu hören.

Abenstimmung in St Pauli
Abenstimmung in St Pauli

Hier spielten an diesem Freitagabend „The Slow Show“, die den hohen Kirchenraum mit cineastisch aufgeladenen Songs von epischer Größe füllten. Erstaunlicherweise wirkte diese raumgreifende Intensität nicht prätentiös oder bombastisch, sondern warm und fein. Von Rob Goodwins tief knarzender Waldhonigstimme, den Wellen-über-Seegras- Klavierteppichen und den vorsichtig eingesetzten E-Gitarren-Loops war die ganze Kirche andächtiger hingerissen als es dort wohl je ein Pfarrer erlebt hat. Nach einem Standing-Ovations-Sturm verließ ich benommen, glücklich und satt die Kirche und ging direkt nach Hause.

Da ich weder mein Bier noch meinen Wein getrunken hatte, setzte ich mich noch in Ruhe an den Schreibtisch und ließ die Alkoholika abendausklingend in Form einer kleinen Malerei in mein Plädoyer für mehr Genuss und weniger Konsum einfließen:

St. Pauli Kirche
St. Pauli Kirche – gemalt mit Tusche, Wein, Bier und Kaffee

Habt ein wunderbares Fest!

eure Inga

 

 

 

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